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Berliner Zeitung: Freischein im Museum

21.06.2008
 

Wer dafür zahlt, kann jetzt Museumskurator werden. Und zwar in der angesehenen Galerie für Gegenwartskunst in Leipzig. "Carte Blanche" heißt das ungewöhnliche Projekt. Firmen, Sammler und Galerien erhalten einen der zwölf Ausstellungsfreischeine und kommen für alles, auch für die Betriebskosten auf. Barbara Steiner, die Direktorin, erntete für "Carte Blanche" erst einmal die rote Karte. Es hagelte herbe Kritik, vor allem in Leipzig, doch auch der einflussreiche Ausstellungsintendant Chris Dercon vom Haus der Kunst in München hat dieser Tage seine Ablehnung im Art Newspaper platziert: "Es ist genau das, was wir in öffentlichen Galerien nicht brauchen."

Die staatlich geförderte Kultur ist ein hohes Gut und muss verteidigt werden. Doch kann es sich kaum ein Theater, eine Bibliothek oder ein Museum leisten, private Hilfe zu verschmähen. Warum auch? Wenn Staat und Wirtschaft, Beamten und Mäzene für den gemeinsamen Zweck der Kultur zusammenkommen, ist das doch ein positiver gesellschaftlicher Konsens. Hinter dem hässlichen Begriff "Public-Private-Partnership" verbirgt sich eine gute Sache.

Doch zuweilen werden eben gerade dort die Steine geworfen, wo man eigentlich im Glashaus sitzt. Das trifft vor allem für die Museen zu. Denn hier ist der Kontakt zu Förderern und Mäzenen besonders groß, auch in München. Seit jeher profitieren öffentliche Galerien von Schenkungen oder Leihgaben der Sammler, entstehen mit Steuermitteln opulente Bauten für private Kollektionen, die sich kein Staat mehr leisten kann, und sind die Kuratoren auf die Zusammenarbeit mit dem Kunsthandel angewiesen. Trotzdem trifft Museumsleute nichts so sehr wie der Vorwurf, sie verfielen dem schnöden Kommerz. Es sind Krokodilstränen, denn in Gegenwartsmuseen etwa geht heute gar nichts mehr ohne die Galeristen, die weit verstreute Werke herbeischaffen, deren Besitzer nur sie kennen, und die sich dafür machtvoll in die Ausstellungen ihrer Schützlinge einmischen. Dass jede Präsentation nicht zuletzt ein verkaufsförderndes Schaufenster ihrer Ware ist, versteht sich von selbst.

Die Sammler dagegen verlieren zunehmend ihr Interesse am Museum und bauen lieber eigene Schauhäuser, wo ihnen niemand reinredet. Auch dies eine Entwicklung, die Staatskuratoren Sorge bereiten muss, denn sie selbst können mit ihren lächerlichen Etats fast gar nichts mehr erwerben. Den Spieß umzudrehen und dies alles einmal offensiv in einer Ausstellungsserie zu thematisieren, ist eine originelle, intelligente Idee. Dercon hat Unrecht: Es ist genau das, was die öffentliche Galerie jetzt braucht.

Sebastian Preuss